Freitag, 24. September 2010

Grüner Passierschein gefunden!

Hallo meine Lieben!
Richtung Oslo: Er ist gefunden, korrekt ausgefüllt und mit gemailter Geburtsurkunde aus Deutschland erfolgreich eingereicht. Bald bin ich stolze Besitzerin eines Reispasses inklusive Fingerabdrücke :(.
Aus Nablus sind momentan eher erschöpfte Meldungen zu machen. Es ist wieder richtig heiß geworden und ich bin im Moment richtig erschöpft von meinem neuen Leben hier. Das "Neue" klebt wie ein Staubsauger an meinem Gehirn und saugt es leer. Das Arabischsprechen und -hören den ganzen Tag schlaucht unheimlich. Die Vorlesungen sind zwar noch immer toll und ich nehme sehr viel mit. Sowohl was das reine Lernen angeht, als auch meine Motivation, die mich neben der Sprache hierhin geführt hat. Es ist so spannend mit meinen KomolitonInnen auf "akkademischer" Ebene über den Konflikt, seine Folgen für die Bevölkerung und mögliche Lösungswege zu diksutieren. Dabei wird ganz deutlich, dass der wirtschaftliche Aspekt hier entscheidend ist. Ohne eine eigene, geschlossene Volkswirtschaft kann es hier einfach nicht vorwärts gehen!
Der Arabsichunterricht in der Uni ist eine nette Auffrischung meines alten Grammatikwissens - aber ganz ehrlich: Wirklich Arabisch lerne ich auf der Straße, mit meinen Freunden und mit meinen Tandemfreund Muyahed. Er macht riesen Fortschritte in Deutsch (hat mir auch ein Kompliment für meine pädagogischen Fähigkeiten gegeben: ich sei besser als seine Lehrerin beim Goethe-Institut :) Merci!). Und ich komme bei ihm riesig vorran, was das Zeitunglesen angeht. So schlage ich mehrere Fliegen mit einer Klappe. Satzbau ins Blut aufnehmen (total schwierig aber zentral fürs Verstehen), schneller Lesen, politische Vokabeln lernen. Obwohl das Vokabelnlernen gerade dem Unikram etwas weichen muss.
Heute war ich mit einer befreundeten Familie auf ihren Ländereien grillen. Es war ein toller Tag. Wir haben lecker Fleisch, Tomaten und Zwiebeln nur mit Salz und Brot unter den Olivenbäumen gegessen. Einfach aber sehr lecker (زاكي قثير). Der Blick war zudem einfach umwerfend. Leider haben wir unter anderem auf den gegenüber liegenden Berg schauen müssen, wo auch Ländereien der Familie liegen, aber von Siedlern besetzt sind. An der Stimme der Mutter (Ihr seht uns auf dem Foto) habe ich ihre Resignation rausgehört. Was soll ich sagen, wenn sie fragt: "Glaubst Du, wir bekommen irgendwann unser Land wieder zurück?". Oder ich höre von der Mutter einer Freundin die Geschichte, wie ihre Söhne (15 und 17 Jahre damals alt) von israelischen Soldaten mitten in der Nacht mitgenommen wurden und seit 3 Jahren im Gefängnis hocken? Sie haben versucht kleine Handgranaten zu bauen, was natürlcich zu verurteilen ist. Aber ganz ehrlich muss man sich doch fragen, wie es dazu kommen konnte, dass schon Jugendliche sich am Widerstand beteiligen!!! Und da kann das Einsperren der Jungs, die ihre Mutter nur einmal im Monat, ihr Vater und ihre Brüder nur alle 2 Jahre besuchen düfen, doch wohl nicht ein konstruktiver Weg in Richtung Konfliktbeilegung sein! Was soll ich dann sagen? Es ist sehr sehr schwierig hier neutral zu bleiben, das könnt Ihr mir glauben!
Im Gegensatz zu diesen emotionalen, persönlich betroffenen Geschichten, dann unsere Dikussionen in der Uni. Diese sind geprägt von Kritik an den Regimen in der arabischen Welt und in der westlichen Welt. Mit zynischem Humor betrachten wir die doppelmoralischen Handlungen der Männer "da oben". Ein schöner - leider trauriger - Spruch von meinem Prof., als wir die EU besprechen: "Die EU existiert unter dem Motto "Vereint in Verschiedenheit" und sie funktioniert. Die arabischen Länder leben nach dem Motto "Geteilt in Gemeinsamkeit" und arbeiten gegeneinander als miteinander." Ich finde, das bringts auf den Punkt. Die ökonomischen und politischen Missstände hier tragen sowohl die Kolonialgeschichte, die aktuelle neoliberale Wirtschaftsordnung UND die arabischen Machthaber. Ein Sprichwort hier lautet: "Den aCIMG0512rabischen Herrschern ist Macht heiliger als das Leben."
Wie soll ich da mit meinem "idealistischen Handicap" noch unbefangen motiviert loslegen??
Ihr seht: Gerade eine krasse Zeit hier, die mir bei vielen Sachen auf manchmal deprimierende Weise die Augen öffnet. Aber die Zeit ist wichtig, ich komme nicht drum herum, denn die Augen kann ich auch nicht zu machen.
Bis bald, Eure Birthe

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